Babette Koblenz beantwortet Fragen von Lena Blank über Unkenntlich


Was ist eigentlich ein 'Dokumentarwerk'?

Über die Jahre hinweg hat sich in meiner Arbeit durch die Beschäftigung mit Dokumenten fast eine eigene Werkgattung herausgebildet. Beim Dokumentarwerk steht vor allem neben den künstlerischen und ästhetischen Kategorien die Realität des Dokuments im Vordergrund. Der musikalisch-künstlerische Aspekt muss sich sensibel mit diesem Stoff auseinandersetzen - und nötigenfalls unterordnen. In einem Musiktheater dagegen, das immer einen fiktiven Inhalt hat, darf die Musik auch extreme Positionen einnehmen, über jede Stränge schlagen, darf in Rauschorgien oder Undergrounddüsternis abgleiten - kurz, die Fantasie, mit dem entsprechenden Stoff umzugehen ist um ein Vielfaches freier.

Gibt es die Gattung Dokumentarwerk auch bei anderen Komponisten, oder haben Sie sie quasi geschaffen?

Es gibt schon andere Komponisten die auch mit Dokumenten umgehen, aber für mich ist das ein Bereich, der sehr wichtig geworden ist und über die Jahre als eigene Werkgattung für mich eine relativ hohe Bedeutung bekommen hat.

Bitte sagen Sie uns doch etwas über Ihr erstes Dokumentarwerk "Die Kinder von Bjelaja Zerkow"?

"Die Kinder von Bjelaja Zerkow" schrieb ich 1994 im Auftrag von Jan Philipp Reemtsma zur Ausstellungseröffnung "Verbrechen der Wehrmacht". Es handelt von einem Kindermord an 90 jüdischen Kindern in der Ukraine und es gab ungefähr 1000 Seiten Akten. Sie wurden Grundlage aber eben nicht hauptsächliche Textvorlage zu der Dokumentarkomposition. Es hat ziemlich lange gedauert, bis aus eigenen Textvorlagen und fremden Textausrissen eine Form wurde, die ein Erinnerungswerk im Sinne des Dokumentes in dieser Form dann möglich machte.

Wovon handelt Ihr Werk "Unkenntlich"?

Das Projekt "Unkenntlich" stammt vom letzten Jahr (2003). Diafolgen bzw. Diasequenzen ehemaliger fränkischer Landsynagogen, die ich zusammengestellt habe, sind jeweils mit Ortsangabe und, soweit vorhanden, mit Daten versehen in der Aufführungssituation zu sehen. Während diese Bilder laufen, hört man ein Duo aus Akkordeon und Violoncello über 35 Minuten und die Musik bildet eine Art Fokus für das innere Auge des Blicks.
Die Fotos mussten natürlich erst recherchiert werden - um solche Aufnahmen zu erhalten habe ich in Archiven nachgesucht und eine etliche Anzahl von Synagogen gefunden. Dann bin ich vor Ort gefahren und habe hauptsächlich Außenaufnahmen gemacht. So entstanden die Aufnahmen zu der Musik.